19.10.2016
„Wir brauchen das Theater, weil es uns braucht“

In meiner Heimatstadt gab es vor vielen Jahren eine Werbekampagne des hier ansässigen Nationaltheaters, die mit Plakaten und Aufklebern der Stadt folgendes entgegenrief: Theater muss sein! Mit einem sehr großen Ausrufezeichen. Und ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als ich diese Anordnungskampagne das erste Mal sah und nur dachte: wieso? Wieso brauchen wir diese Geschichten? Wieso brauchen wir das Dunkel des Zuschauerraums, das Stimmengewirr vor dem Einlass? Wieso brauchen wir die Abende, die uns mit großen Fragezeichen nach Hause schicken? Wieso jene Abende, die uns bis ins Mark erschüttern oder solche, die uns vor Lachen die Luft zu nehmen scheinen?

 

Viele reden auf der Suche nach einer Antwort vom Theater als Ort der Kunst, der Freiheit. Viele andere sprechen von kulturellen Bildungsaufträgen, politischer und sozialer Einmischung. Für wieder andere gehört es einfach zum guten Ton. Ich meine, wir brauchen das Theater, weil es uns braucht.

 

Das Theater, wie ich es verstehe, ist ein Ort der Teilhabe - des Teilens quasi. Und dazu braucht es immer zwei. Mindestens. Das Theater, wie ich es verstehe, ist ein Ort zum Spielen und Schauen. Ein Ort zum Erzählen und Hören. Ein Ort zum Fragen und zum Antworten. Und all das macht man nicht allein. Gemeinsam tut man das. Und genau dazu lädt das Agora Theater in diesem Jahr wieder beim Theaterfest ein.

 

Für mich bedeutet das sechs Tage, an denen die Welt wieder ein Stück größer wird. An denen sich die Geschichten vom Leben und das Leben hinter den Geschichten verbinden. Und das oft in lebhaften, greifbaren Diskussionen. Dazu kommen lange Nächte, stille Vormittage und das gemeinsame Leben der Zeit hier in St. Vith. Ein spezieller, besonderer Ort für dieses besondere Fest, das nach einem Jahr Pause wieder stattfinden kann. Und ich würde sagen, stattfinden muss.

 

Weil wir alle einen Ort brauchen, der uns dem Leben auf die Spur führt. Auch dem eigenen. Und für mich persönlich gibt es wenige Orte, an denen das so intensiv passiert, wie hier beim Theaterfest. Und deshalb würde ich mir, nein, wünsche ich mir, dass wir dieses Jahr gemeinsam ein großartiges Theaterfest feiern. Und im nächsten Jahr. Und im übernächsten Jahr. Und, dass wir gar nicht damit aufhören, denn das Leben, auch in diesen verwirrenden und unruhigen Zeiten, ist immer noch zu einzigartig, um davor die Augen zu verschließen. Also, schauen Sie mit, reden Sie mit und feiern Sie mit.

 

Der Gastkommentar ist am 19. Oktober im GrenzEcho erschienen.

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